Ist Theater noch eine zeitgemäße Kunstform, braucht es Theater an sich?

 

Das ist die Frage, die ich immer wieder gestellt bekomme und da trifft es jetzt halt den Falschen, weil ich Theaterpraktiker bin und kein Theatertheoretiker.

 

Aber ich will der Frage nicht ausweichen:

 

Das Theater kann uns helfen, die materielle und technologische Entwicklung unserer Gesellschaft mit den spirituellen Bedürfnissen unserer menschlichen Natur in Einklang zu bringen oder auf einer anderen Ebene eine Aussöhnung zwischen Mythos und Aufklärung herbeizuführen. Damit uns nicht das tiefste Gefühl verloren geht, zu dem wir fähig sind, nämlich das Erlebnis des Mystischen.   
Wem dieses Gefühl fehlt, wem dieses Gefühl fremd ist, wer sich nicht mehr wundern kann, der ist seelisch bereits tot.

 

Theater kann sich für die Auseinandersetzungen mit den immer komplexer werdenden Lebensumständen des Menschen noch Zeit lassen. Unsere Kultur- und Medienlandschaft neigt dazu, über Menschenschicksale leicht verständliche Schablonen zu stülpen. Theater muss der Ort sein, an dem man sich für die Abstufungen zwischen schwarz und weiß, für die Grautöne und Schattierungen Zeit lassen kann. Das Theater soll ein Ort sein, an dem Menschen in ihrer Ganzheitlichkeit betrachtet werden und an dem man sie nicht auf Jugendlichkeit, Vitalität und erotische Ausstrahlung reduziert, wie es in anderen Medien geschieht. Eine Gesellschaft, die ewige Jugendlichkeit zum Ideal erhebt, verweigert sich dem Prozess der Reifung.


Theater entsteht durch Leidenschaft, und Leidenschaften entwickeln wir für Visionen, niemals für Realitäten, daraus entwickelt sich die Vitalität. Das heißt, die Vitalität selbst ist das Resultat einer Vision. Wenn es keine Vision mehr gibt von etwas Größerem, Schönerem und Wichtigerem als wir es selbst sind, dann stirbt die Vitalität und damit unsere Lebendigkeit.

An Menschen indes, in denen die Flamme der Leidenschaft noch brennt, kann man sich gut wärmen, und diese Wärme haben wir alle bitter nötig, um im Kampf gegen eine uns immer mehr verblödende Medienlandschaft bestehen zu können.  

 

Theater ist ein Ort der Selbstvergewisserung, in einer Zeit, in der der Druck, sich aus der Masse herauszuheben, das Individuelle durch die Selbstinszenierung hervorzuheben, ständig steigt; dies führt unweigerlich zur Erschöpfung des Selbst. Man braucht alle Energie, um das Selbst anderen gegenüber abzugrenzen. Die Verhaltensnorm unserer Gesellschaft gründete vor nicht mehr als zwei Generationen auf dem Prinzip von Schuld und Disziplinen - heute sind es Verantwortung und Initiative. Früher war der Einzelne zerrissen zwischen dem Erlaubten und dem Verbotenen, heute ist er zerrissen zwischen dem Möglichen und Unmöglichen – das heißt die Grenze des Machbaren oder Erreichbaren im Leben hat sich verschoben von einer Grenze, die die Moral und die Gesellschaft gesetzt haben, zu einer Grenze, die in einem selber liegt, in dem eigenen Können, in dem eigenen Mut oder dem Talent.

 

Unser Lebensumfeld gaukelt uns ständig vor, dass eigentlich alles möglich ist - anything goes! Und wenn etwas nicht gelingt, dann liegt es an uns selbst. Wir haben uns daran gewöhnt, dass das Gefühl der Unzulänglichkeit unser ständiger Lebensbegleiter ist.

Wer fühlt, wird leiden. Wer leidet, braucht Trost. Theater ist die Heimstätte der Phantasie und Phantasie tröstet - sie tröstet die Menschen über das hinweg, was sie nicht sein können. Und es braucht Humor, denn der Humor trägt die Menschen über das, was sie tatsächlich sind.


Theater ist so vieles und vor allem soll es so vieles sein. Ein Ort der politischen Auseinandersetzung, ein Ort der Reflexionen über unsere soziale Wirklichkeit oder der berühmte Spiegel, der der Gesellschaft vorgehalten werden soll. Vielleicht ist das so, vielleicht ist das Theater ein wenig von allem.

 

Für mich ist das Theater aber auch ein Erinnerungsort, nicht nur in dem Sinn des Erinnerns an unsere Geschichte oder die Sozialisierung unserer Spezies, sondern ein Ort, der uns daran erinnert, wie es sich anfühlt, lebendig zu sein.

 

Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass die Aufgabe des Theaters nicht das Zeigen eines Wegs ist, sondern das Wecken der Sehnsucht nach Bewegung. "

 

Jochen Schölch